Tick Tack … Rufbereitschaft – ein Praxistest

Irgendwann ist immer das erste Mal. Für mich traf das für eine Rufbereitschaft zu. Ich habe einer aus Syrien geflüchteten Freundin versprochen, sie in den Kreißsaal zu begleiten. Einerseits weil sie Angst hatte, wie es wäre in Deutschland zu gebären. Andererseits weil ich Angst davor hatte, wie es sein kann in Deutschland zu entbinden. Noch dazu, wenn man überhaupt kein Deutsch, bzw. nur sehr wenig davon, spricht.  Meiner Freundin war wichtig, eine spontane Geburt zu erleben und möglichst ambulant wieder nach Hause gehen zu können. 

Nun hatte ich also Rufbereitschaft für die Geburtsbegleitung. Eine Haus- oder Beleggeburtshebamme, die das hätte übernehmen können, kam wegen der hohen Kosten, die damit verbunden sind und nicht alle von der Kasse übernommen werden, nicht in Frage. Außerdem ist es auch schwierig eine zu finden. Hier wie überall sind diese Hebammen äußerst rar und schnell ausgebucht.

Der ET war Mitte Juni. Da der Errechnete Termin (ET) kein Liefertermin ist und besser Geburtszeitraum heißen sollte, war nun klar: circa drei Wochen vorher beginnt die Rufbereitschaft. Von da an organisierten wir also das Leben zweier Vollzeit arbeitender Eltern (einer davon mit Schichten und 24-Stunden-Diensten) und zweier Kinder um diese Aufgabe herum. Wegfahren über Pfingsten? Nur unter Vorbehalt. Die Geburtstagsübernachtung ein paar Orte weiter? Nur mit Absprache, wer dann dort die Kinder im Fall der Fälle übernimmt. Noch viel komplizierter gestaltet sich der Alltag: Wer holt die Kinder im Fall der Fälle ab? Oma hat keinen Führerschein, die Kinder sind in der Stadt verteilt und was wäre mit den Kindersitzen, wenn sich denn jemand zum Fahren findet?  Mal einfach so zwei Gläser Wein oder mehr am Abend? Nicht drin. Baden gehen? Ja, aber… Was ist, wenn der Mann Dienst hat und nachts nicht da ist, aber ich los muss? Und dann: ständig erreichbar sein. Eine ganze Familie ist in Dauerbereitschaft. Oma schläft nachts bei uns, wenn der Papa Dienste hat.

In den Tag hinein leben, spontan sein – all das ist nicht möglich. Für Hebammen, vor allem die mit freiberuflicher Geburtshilfe, ist das Alltag. Und auch für ihre Familien. Doch immer weniger sind bereit, diese massiven Einschränkungen an Lebensqualität für vergleichsweise wenig Geld und schlechten Rahmenbedingungen hinzunehmen. Sie treten vor allem der Familiengründungsphase deutlich kürzer oder steigen gleich ganz aus dem Beruf aus. Für uns Frauen und Familien ist das fatal. Immer häufiger schließen Kliniken nun wegen des Mangels an Hebammen. Vielerorts müssen sich Frauen bereits mit dem positiven Schwangerschaftstest in der Hand eine Hebamme für das Wochenbett suchen. Beleg- oder Hausgeburtshebammen sind nahezu Goldstaub. Diese Situation schränkt uns Frauen nicht nur in der Selbstbestimmung ein (Die Berliner Gesundheitssenatorin sieht darin übrigens kein Problem – “Wunschkliniken” sind für sie scheinbar verzichtbarer Luxus.) – sie macht auch die Geburtshilfe schlechter. Noch weniger Hebammen führen zu noch weniger Kliniken. Noch weniger Hebammen führen zu Überlastungen und Fehlentscheidungen. Noch weniger Hebammen führen zu noch mehr Kaiserschnitten. Noch weniger Hebammen bezahlen die Frauen und die Kinder mit ihrer Gesundheit – im Zweifel sogar mit ihrem Leben. Eine Hebamme für jede Geburt, wie uns die Hinzuziehungspflicht suggeriert, das ist schon längst vorbei (wenn es das dann jemals überhaupt gab). Genau, das ist es jedoch, wir brauchen damit unsere Kinder sicher geboren werden. Lasst uns deshalb auch in diesem Bundestagswahlkampf #aufdenTischhauenfürHebammen !

P.S. Mittlerweile ist das Baby geboren. Mutter und Kind sind wohlauf. Ich habe mir erstmal ein Glas Wein eingegossen. Auf das Leben und die Liebe – Prost!

 

 

 

 

 

 

 

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