It’s all about Macht, Baby

Vor einigen Tagen hatte ich die Ehre die Geburt einer Freundin im Kreißsaal zu begleiten. Vorweg: Für sie war es unbesehen ein großartiges Erlebnis. Gesund und gestärkt ging sie aus dieser Geburt hervor. Das sollte das Wichtigste sein, oder?
Doch genau darin liegt auch die Crux all jener, die sich für Veränderungen in der Geburtshilfe in Deutschland einsetzen: Viele Frauen, ich glaube sogar der weitaus größte Teil, finden es normal – so wie es ist. Kämpfen wir also für etwas, das niemand braucht?

Was ich gesehen habe, ist eine Hebamme, die absolut kompetent und mit Leib und Seele ihren Beruf ausübt. Zu dieser Zeit musste sie keine weitere Frau betreuen. Anders wäre es gewesen, hätte die Geburt zwei Tage vorher stattgefunden. Dort waren alle Kreißsäle und ein Untersuchungszimmer besetzt und es dauerte eine Stunde, bevor wir überhaupt zur Untersuchung von einer Hebamme angesprochen wurden. War dann jedoch „falscher Alarm“. Also zwei Tage später mit viel Ruhe und einer 1:1-Betreuung.

Großartig – oder?  

Was ich gesehen habe, ist eine Hebamme, die im selben Atemzug sich selbst vorstellt und ein Schmerzmedikament anbietet. Ganz ohne dessen mögliche Nebenwirkungen zu erläutern oder gar zu fragen, ob die Frau („Patientin“) überhaupt das Bedürfnis hat, ein solches Medikament zu wollen.
Was ich gesehen habe, ist eine Hebamme, die die Frau zunächst ermutigt, sich zu bewegen, die mit ihr Übungen macht, einen Pezziball herausholt – um die gleiche Frau wenig später per Dauer-CTG an das Bett „zu fesseln“ und sie, auch wenn sich die Frau mehrfach ins Aufrechte begeben will, immer wieder mit sanftem Druck zurück in diese Position verweist. Ich habe einer Ärztin zugehört, die mir erklärt, dass eine Geburt nach vier Stunden bei einer Zweitgebärenden schon fast „fertig“ sein muss.  Ich habe beobachtet, wie die Hebamme ohne es zu erläutern, den Muttermund manipuliert und die Fruchtblase endgültig öffnet. Ich habe gesehen, wie auf den Bauch gedrückt wird, um „der Plazenta zu helfen“.
Ich habe gesehen, wie ein Neugeborenes kurz nach dem Abnabeln gebadet (zum „Lunge lüften“) und in einen hellen Untersuchungsraum, weg von der Mutter gebracht wird. Ich habe gesehen, wie es zum Vermessen über Kopf gehalten wurde.

Ich habe bei all diesen Dingen zugesehen. Habe mich zurück- oder die Hand gehalten, Wasser gebracht und Essen gereicht. Ich habe mich dort, wo es aus meiner Sicht unerlässlich war, schützend vor die Frau gestellt.

Ich bin mir sicher, dass diese Frau, auch wenn man ihr jede Maßnahme vorher erklärt hätte, in jedem Fall zugestimmt hätte. Ich kann mir vorstellen, dass die Hebamme, aufgrund ihrer Erfahrung, das auch so einschätzen kann. Aber darf sie deshalb auf Aufklärung verzichten? Darf sie – ungefragt – die Führung übernehmen?

Ich habe mich anfangs gegen die sofortige Verabreichung eines Schmerzmedikaments ausgesprochen. Ich wollte, dass die Frau überhaupt erst einmal ankommen kann. Sie war noch nicht einmal im Kreißsaal. Das hat diese Hebamme als Affront empfunden und regte sich furchtbar darüber auf, bis sogar die diensthabende Ärztin dazu kam und mir war klar: It’s all about Macht, Baby.

Bei jeder Übergriffigkeit geht es um Positionen, um Hierarchien. Hier bin ich – da bist du. Ich habe den Kittel an. Die Strukturen einer Klinik in Deutschland ermöglichen scheinbar keine partizipativen Entscheidungen. Nicht, wenn du dort arbeitest – nicht, wenn du dort „Patientin“ bist. Jemand, der nicht eigenverantwortlich arbeiten kann oder darf, kann seinen Gegenüber auch nicht eigenverantwortlich entscheiden lassen. Das System ist ein patriarchalisches. Zwar sind, laut Ärztinnenbund, etwa zwei Drittel der Medizin Studierenden weiblich – jedoch nur etwa 10 Prozent der Chefarztposten sind mit Frauen besetzt . Doch selbst wenn sich in Zukunft an diesem Missverhältnis etwas ändert, was ohne verbindliche #Frauenquote sicher schwer wird, wird sich die klinische Geburtshilfe verändern? Und muss sie das überhaupt, wenn ein Großteil der Frauen eben zufrieden nach Hause geht?
Hauptsache gesund – alles andere ist doch unwichtig. Stimmt!

Nicht.

Wir sind nicht unwichtig. Nicht unsere Gefühle. Nicht unsere Ohnmacht. Nicht unser Ausgeliefertsein. It’s all about Macht, Baby. Und zuerst müssen wir uns selbst ermächtigen. Fangt doch bitte noch heute damit an!

Ein Gedanke zu „It’s all about Macht, Baby“

  1. ich bin 63 Jahre alt und kann diesem Text uneinigeschränkt zustimmen. Habe einen erwachsenen Sohn, zwei Töchter und fast fünf Enkelkinder, sowie diverse Kranken- und Krankenhauserfahrungen!
    Es ist unbedingt nötig unser Selbstbestimmungsrecht in der Medizin zu behaupten, auch gegenüber wohlmeinende Angehörigen, und das ohne Gefahr zu laufen, unsere Zure hnungsfähigkeit in Affäre stellen zu lassen :-)!!!
    Bonne Chance! Inge

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