Wir haben ein Henne-Ei-Problem

Oder: Weshalb mir der Schiedsspruch zu den Hebammen egal ist

Wer derzeit die Nachrichten in den Sozialen Medien verfolgt – und nicht nur dort (sondern auch hier oder hier) – stellt fest: Die Geburtshilfe in Deutschland hat ein Problem. Steigende Geburtenzahlen gegen Kreißsaalschließungen und Hebammen, die in Scharen aus dem Job flüchten: Das kann in der Summe keine #sichereGeburt ergeben. Nicht, dass es nicht schon genügend Protest gegeben hätte. Fast ein Million Stimmen wurde bereits gesammelt, um auf die Misere hinzuweisen. Am 5. September, so lassen sich die Berichte und Kommentare allerorten nur deuten, wurde den eh schon gebeutelten #Hebammen nun der Todesstoß versetzt. Doch stimmt das?

Mitnichten: Was vor dem 5. September wahr war, stimmt auch heute noch. Die Geburtshilfe hat ein Problem. Daran hat sich nichts geändert. Verhandelt wurde nämlich nicht darüber, ob wir Frauen demnächst noch Kinder bekommen dürfen, sondern über die Vergütung eines Teils der Berufsgruppe, die uns dabei begleitet. Die Botschaft ist erstmal eine erfreuliche: Beleghebammen erhalten für ihre Leistungen 17 Prozent mehr Honorar.

Die große Sauerei an diesem Schiedsspruch ist, dass die Honorare der freiberuflichen Hebammen trotz einer Erhöhung um 17 Prozent trotzdem noch skandalös niedrig sind. Wir haben eine Menge Hebammen, die diesen Beruf nicht mehr ausüben, weil sich kaum ein Verdienst mit sicherer Geburtshilfe erzielen lässt. Wenn ein Wochenbettbesuch mit 38 Euro abgerechnet wird, dann ist das eben nicht attraktiv. Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV SV) hält dagegen und sagt, dass dieser ja nur 20 Minuten dauern darf und damit die Vergütung eigentlich doch angemessen sei. Genau das ist aber an der Realität der Hebammen und von uns Frauen vorbei. Eine Arbeit, die durch persönlichen Kontakt, durch Sprechen, Tasten, Ruhe deutlich besser (und sicherer) wird, kann eben nicht im Fließbandtakt erledigt werden. Dort, wo außerdem noch weite Wege zwischen den einzelnen Klientinnen liegen, ist eine solche Vergütung doppelt unattraktiv.

Ich will eine 1-1-Betreuung. Da ist die jetzt verhandelte 1:2-Vergütung für Schichtbelegerinnen deutlich näher dran. Hebammen, die sich über die Auswirkungen dieses Schiedsspruchs beschweren, plädieren für einen Betreuungsschlüssel, der deutlich höher ist, weil es ihnen nur auf diese Weise bisher möglich war, ein wirklich gutes Einkommen zu erzielen.
Aber: 1:5 ist keine sichere Geburtshilfe. Das sage ich als betroffene Frau. Hier geht es um große Kreißsäle in denen neben Sprechstunde, Anmeldung, CTG-Kontrolle und Kaiserschnitt-Vorbereitung auch noch ein bis zwei Frauen im Kreißsaal sind. Und das wurde parallel abgerechnet. Diese Hebammen verdienen dadurch wirklich alles andere als schlecht. Doch nennt mir einen Grund, weshalb ich das als Frau unterstützen soll?
Das Problem ist also nicht der Schiedsspruch (Henne-Ei!). Ich sage gar nicht, dass die Situation super ist. Ganz im Gegenteil. Aber die Ursachen liegen völlig woanders. Wenn der GKV-SV in Anhörungen vorrechnet, wieviel Hebammen verdienen, dann nahm er genau diese Hebammen zur Berechnungsgrundlage. Und kann nicht erkennen weshalb diese Berufsgruppe so „jammert“. Darunter leiden mussten die, die 1:1 bis 1:2 arbeiten, auch bisher nicht parallel abrechnen durften und keine adäquate Vergütung erreichen konnten. Der Beruf muss so vergütet werden, dass die Hebamme mit 1:1 ein gutes Auskommen hat. Und das muss auch die Forderung für die Angestellten sein. Die Kliniken haben systematisch die Geburtshilfe an freiberufliche Hebammen ausgelagert. Das war für alle eine Gewinnsituation. Denn für die Schichtbelegerin hat sich aufgrund der Nutzung von Grauzonen gerechnet, was sich für die Klinik vorher nicht rechnen ließ. Den Kassen war das schon lange ein Dorn im Auge. Das hier kam nicht überraschend und über Nacht. Der GKV-SV will die Kliniken darüber zwingen entweder die Geburtshilfen wieder selbst zu betreiben (oder im Beleg aber eben nicht teurer) oder aber zu schließen und so die Zentralisierung vorantreiben. Und der Deutsche Hebammenverband (DHV) hat lange Vogel Strauß gespielt und gehofft, dass es so schlimm schon nicht kommen wird. Da hat das ganze auf dem Schoß von Hermann Gröhe sitzen also leider auch nix genutzt. Vielen Dank für nichts.
„Aaaaber!“, liest man jetzt überall, weil der GKV SV die 1:2-Regelung für die freien Hebammen durchsetzt, jedoch nicht für die angestellten Hebammen. Tja. Dieser Vergleich wird u.a. vom Deutschen Hebammenverband äußerst scheinheilig herbeigezogen. Es steht dem Verband ja frei, sich für die Interessen seiner angestellten Mitglieder im Rahmen von Tarifverhandlungen einzusetzen oder aber eine gesetzliche Regelung für 1: 1 oder 1:2 zu fordern. In diesen Verhandlungen, die letztlich in einem Schiedsspruch endeten, ging es nicht um angestellte Hebammen. Und da hat der DHV schlicht versagt. (Ich schreibe jetzt nicht: mal wieder). Der Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands (BfHD), der ausschließlich freie, in der Geburtshilfe tätige Hebammen vertritt, ist überwiegend zufrieden – im Rahmen dessen, was an Spielraum da war. Der DHV hat hingegen das Thema Scheinselbständigkeit und Auslagerung der Geburtshilfen anständig verpennt. Man wusste dort, dass das kommt und hätte schon längst Konzepte entwickeln müssen, wie dem zu begegnen ist.

Fazit: Die Probleme sind zweifellos da. Die Kreißsäle sind übervoll mancherorts. Die Ursache dafür ist nicht dieser Schiedsspruch (Henne/Ei!). Um bei den Tieren zu bleiben: Jetzt muss die Kuh vom Eis und langfristig auf eine wirklich grüne Weide. Die Stellschraube, um die es wirklich gehen muss, ist die Höhe der Honorare und für die klinische Geburtshilfe eine Veränderung der Vergütung in den DRGs. (Michi)

4 Gedanken zu „Wir haben ein Henne-Ei-Problem“

  1. Ich bin entsetzt über die Naivität hinter diesem Beitrag. Ich weiß ehrlich nicht, wo ich anfangen soll. Wenn das Ziel 1:1-Betreuung von Geburten ist, dann ist es also ok, die Zahl der Patientinnen, die gar nicht unbedingt zum Gebären ins Krankenhaus kommen, auf zwei Frauen gleichzeitig zu begrenzen. Also Hebammen vor die Wahl zu stellen, eine weitere Schwangere (die dann tatsächlich vor der Geburt steht)warten zu lassen, bis sie wieder abrechnen darf oder wegzuschicken? Was für ein menschenfeindliches, zynisches Szenario.

    Das liest sich so nebenher, dabei geht eine solche Beschränkung an die Grundwerte unseres Staates. Dem GKV-SV ist das klar – der erklärt auf seiner Webseite, dass an der Finanzierbarkeit eben Einschränkungen des Grundgesetzes hängen („Fokus: Hebammenvergütung“ ganz unten). Ja, Einschränkung des Grundgesetzes. Weil wir es uns nicht leisten können.

    Von Mehrfachabrechnungen zu sprechen, als ob jemand für eine Leistung mehrfach entlohnt wird, ist schon ein Kampfbegriff. Dabei geht es um die Frage, ob jemand für jede einzelne erbrachte Leistung entlohnt wird (Schicht-Belegerin), pauschal (Angestellte) oder für eine exklusive Leistung (Begleit-Belegerin). Ich bin Journalistin, für mich bedeutet es, dass ich z.B. zu einer Tagung fahre, um dort morgens und abends ein Interview zu führen. Bin ich bei einer Zeitung (pauschal) angestellt, ist das meine Arbeit, punkt. Ebenso, wenn mich jemand exklusiv zu dieser Tagung schickt. Bin ich aber komplett freiberuflich dort, kann ich mittags noch zwei Texte schreiben und am Ende des Tages vier Rechnungen abschicken.

    Um auf die 1:1-Forderung zurückzukommen: Das Gesundheitssystem soll wirtschaftlich arbeiten und nur das Notwendige zahlen. Zu Wirtschaftlichkeit gehört, dass Exklusivität extra kostet. Wie stehen also vor der fundamentalen Frage, was notwendig und was exklusiv ist und was es kosten darf. Sähen die Krankenkassen 1:1 als notwending an, wäre jetzt alles gegessen. Tun sie aber nicht.

    Womit ich beim nächsten Punkt bin: Es ist mehr als nur aberwitzig, ausgerechnet von den zwei kleinsten Playern im Gesundheitssystem den grundlegenden Umbau zu erwarten. Wie beim Blog „Von guten Eltern“ bemerkt, herrscht im gesamten Pflegebereich der dauerhafte Ausnahmezustand. (Ich möchte in den Satz eine Menge Anführungszeichen setzen.) Dass Hebammen nicht als Angestellte arbeiten wollen, ist seit Jahren Teil der Misere. Krankenhäuser und Krankenkassen könnten da von sich aus etwas tun, wenn sie das „notwendig“ einfach neu festsetzen. Aber: sie riskieren auch gewaltigen Ärger mit den anderen Angestellten, sollte es aussehen, als ginge es den Hebammen „besser“.

    Apropos. Inzwischen gibt es Artikel, in denen Ärzte sich beschweren, die Hebammenproblematik bekäme zuviel Aufmerksamkeit, sie sollten einfach härter arbeiten, etc. Solcher Gegenwind ist ein Zeichen, dass Arbeit etwas bringt. Trotzdem ist das keine Garantie, wenn etwa Angela Merkel bei Wahlkampfveranstaltungen noch erklärt hat, das Problem sei doch gelöst. Regelmäßig im Ministerium vorstellig zu werden, ist insbesondere bei kleinen Gruppen manchmal nur ein Zeichen, dass sie nicht gehört werden.

    In diesem Sinne: Nach sehr vielen Jahren Arbeit gibt es vielleicht langsam eine Chance auf Veränderung, aber sie wird noch einmal sehr viel Arbeit bedeuten und es muss klar sein, dass Kompromisse innerhalb eines Mini-Spielraums keine Lösung, sondern im schlimmsten Fall Teil des Problems sind.

    1. Liebe „soe“,

      es ist leicht, anonym jemandem Naivität zu unterstellen – sinnvoll ist es nicht. Zumal wir alle tief in der Materie stehen und selbstverständlich in solchen Fällen uns immer auch die Beratung von Hebammen einholen. Nur, dass diese eben gar nicht alle die Meinung des Deutschen Hebammenverbandes teilen.
      Vielleicht ein paar Stichworte: Es geht nicht darum, die Zahl der Frauen zu begrenzen, die „die gar nicht unbedingt zum Gebären ins Krankenhaus kommen“, sondern sowohl Kliniken als auch freiberufliche Hebammen in die Lage zu versetzen, jede Frau adäquat zu betreuen. Das bedeutet, dass die Hebamme, die eine Frau während der Geburt betreut, so honoriert/entlohnt werden muss, dass sie diese Frau ohne finanziellen Nachteil 1:1 betreuen kann. Warum ist das so wichtig? Weil, abgesehen von Frauen mit gravierenden medizinischen oder geburtshilflichen Komplikationen, ist für die allermeisten Frauen die 1:1-Betreuung durch eine Bezugshebamme (von der Feststellung der Schwangerschaft über die Geburt bis hinein in das Wochenbett) die beste Wahl ist. Weniger PDAs, weniger Episiotomien, weniger operative Geburten, kürzere Geburtsdauer, etc. sind die positiven Auswirkungen. Daraus lässt sich im Vergleich zu anderen Betreuungsmodellen eine deutliche kostensenkende Tendenz erkennen. (DOI: 10.1002/14651858.CD004667.pub3)
      1:1 ist eben kein Luxus, sondern die Betreuung unter der Geburt, die die besten Ergebnisse bei gleichzeitig niedrigen Kosten generiert. Es gibt übrigens durchaus Ländern in unserer Nachbarschaft, die genau das als Standard definieren. Norwegen zum Beispiel. Gleichzeitig muss die Hebamme, die den Hintergrund betreut – und damit eben jene Schwangeren, die aus anderen Gründen und (noch) nicht zum Gebären kommen, ebenso adäquat abrechnen können. Das ist angesichts der niedrigen Honorare jedoch höchst unattraktiv. Und während du als Journalistin (Hallo Berufskollegin!) deinen Text auch mal kurz liegen lassen und deine Honorare selbst bestimmen kannst, kann das eine Hebamme eben nicht. Dass Hebammen, denen in der Geburtshilfe eine herausragende Position zukommt, sie dürfen im Gegensatz zu Ärzten Geburten allein leiten, nicht fremdbestimmt im Angestelltensystem bei schlechter Bezahlung arbeiten wollten, ist aus meiner Sicht völlig nachvollziehbar. Hier tut sich was, Hebammen haben mittlerweile einen besseren Stand bei Einstellungsverhandlungen. Ansonsten möchte ich an dieser Stelle nicht den Blogbeitrag erneut referieren. Auf unserer Facebookseite findest du auch eine Replik zum Blogeintrag „Von Guten Eltern“. Danke für deine Impulse. Wir diskutieren gerne. Wenn du anonym bleiben möchtest, kannst du uns ansonsten auch gerne per Mail erreichen. Elternstimme/Michi

  2. Ich werd dann auch gern Prinzessin, aber es lege bitte niemand eine Erbse unter meine Matratze   Aber ernsthafter. Eine Klinik muss verwaltet werden, z.T. am Ende nicht durch Menschen, die gut darin sind, eine Klinik zu verwalten, sondern eben von Ärzten und Wissenschaftlern, die wahrscheinlich (hoffentlich) gut in ihrer eigentlichen Profession sind, nicht notwendigerweise im Verwalten ihrer Einrichtung. Die Kliniken stehen unter hohem finanziellem Druck. Ich bin ganz und gar nicht einer Meinung mit besagtem W3-Professor, aber ich kann seine Einstellung bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen: ihn behindert die „Einmischung“ in aus seiner Sicht wirtschaftlich sinnvollem Handeln (Ziel: schwarze Zahlen, starken Standort erhalten, möglichst wenig Stellen in dem Bereich streichen, der ihn als Hochschullehrer interessiert; was juckt ihn eigentlich der Standort Wolgast), während ihm gewissermaßen das Wasser bis zum Hals steht, sehr unangenehm. Aber ja: es ist ein Unding, dass er die Eimischung der Betroffenen als störend empfindet und sie allenfalls, wenn es um Haftung geht, als gerechtfertig sieht. Und es ist traurig, dass er nur den einen Weg sieht, obwohl es Alternativen gibt. Man sollte eigentlich gerade von Universitätsprofessoren, unseren kreativen Köpfen, annehmen, dass sie dazu in der Lage sind, innovativ zu denken. Ich bin mir sicher, auf dem ihm eigenen Fachgebiet kann dieser Herr das wahrscheinlich sogar exzellent, aber das Repräsentieren und Verwalten seiner Klinik(en) ist nicht sein Fachgebiet (und eine sehr undankbare Aufgabe im Dschungel unseres Gesundheitssystems und der Universität dazu… mir ist schleierhaft, wie man da noch gegen die „Politisierung des Gesundheitssystems“ sein kann, denn eigentlich könnte sich genau dadurch die Gesamtsituation verbessern – aber dann sind wir wieder bei dem Punkt: ihm steht das Wasser bis zum Hals; ich will nicht in seinen Schuhen stecken).

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