Das ist die Krönung!

Ich schmeiß‘ alles hin und werd‘ Prinzessin, das dachte ich neulich Abend nicht zum ersten Mal, als ich an einer Veranstaltung teilnahm, in der es nicht nur – aber auch – um die wohnortnahe Versorgung mit Geburtshilfe ging.

Da beklagte doch tatsächlich ein Prof. Dr. med., ausgestattet mit einer W3-Professur an einer öffentlich-rechtlichen Universität, die „Politisierung“ des Gesundheitswesens.

Was meint er damit? Er findet es, freundlich ausgedrückt, wenig hilfreich, dass Menschen wie du und ich gegen Missstände im Gesundheitswesen protestieren und beispielsweise auf die Straße gehen und damit, wie im Falle der Schließung der Pädiatrie und Geburtshilfe in Wolgast, sogar auch noch eine politische Reaktion erreichen. Aus seiner Sicht werden auf diese Weise unvernünftige Entscheidungen getroffen.

Unvernünftig ist übrigens das, was unwirtschaftlich ist. Und dass das unter anderem für den Erhalt von kleineren Kreißsälen in der Fläche gilt, rechnete er an einem Beispiel der Region Greifswald-Vorpommern vor. Schwarze Zahlen, so zeigte er auf, würden erst erreicht, wenn von drei geburtshilflichen Abteilungen zwei geschlossen würden. Die Klinik, die in seinem Beispiel mit Kreißsaal erhalten blieb, war zufällig jene, an der er selbst forscht. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Für die Frauen der abgelegenen Regionen bleiben dann Fahrtzeiten von rund 40 Minuten. Mit Auto. Wenn sie denn eines haben. Und auch nur ohne Baustellen und außerhalb der Hauptsaison. Und ohne Rettungshubschrauber mit Nachtflugerlaubnis. Das ist jetzt eigentlich keine Neuigkeit und auch nicht das, was mich an diesem Abend wirklich furchtbar aufregte. Auch nicht, dass ein W3-Professor noch heute mit der falschen Annahme (hier und hier) sinkender Geburtenzahlen einen Vortrag eröffnet.
Was mich tatsächlich ärgert, ist, dass ein Professor, bezahlt aus Steuermitteln, betraut mit Forschung zum Wohle der Menschen in der Region, in der er lehrt und lebt, eine politische Einmischung eben dieser Menschen als störend empfindet.

(Natürlich ist es darüber hinaus auch traurig, dass jemand, dessen Aufgabe es wäre Prozesse zu hinterfragen, nicht auf die Idee kommt, zu überlegen, ob es unter Umständen auch andere Möglichkeiten gäbe, eine Wirtschaftlichkeit herzustellen. Und ja, die gibt es! Aber darum soll es hier nicht gehen. Falls Sie mitlesen Herr Prof. Dr. med., rufen Sie mich an. Ich erklär’s Ihnen gerne.)

Schon allein die Wortwahl „Politisierung“; als wäre nicht die Daseinsvorsorge an sich bereits ein zutiefst politisches Thema. So wie übrigens auch Forschung und Lehre. Doch ist man dort womöglich mittlerweile so stark auf Drittmittel angewiesen, dass Änderungen im System als Schmälerung der Rendite von (potentiellen) Geldgebern womöglich gar nicht erst in Betracht gezogen werden?

Dass dieser Prof. Dr. med. fachlich wenig bis gar nichts mit Geburtshilfe zu tun hat und dennoch trefflich über „Risiken“ zu referieren weiß, bleibt dabei nur eine Randnotiz. Oft – so auch an diesem Abend und nicht nur bei diesem „Experten“ – reicht allein die Tatsache, dass jemand selbst mehrfacher Vater oder gar Großvater (Highscore!) ist, um zu beurteilen, dass wahlweise Fahrtstrecken von einer Stunde kein Problem sind (Ist man ja selbst auch gefahren!) und kleinere Kreißsäle oder außerklinische Geburten ein großes Risiko sind und deshalb verboten werden müss(t)en.

Besonders absurd wird es, wenn der gleiche Prof. Dr. med. dann darüber spricht, dass wir mehr evidenzbasierte Medizin brauchen und, dass die partizipative Entscheidungsfindung unter den jungen Ärzten der hottest Shit ist, weil das nämlich von den Patient*innen auch Eigenverantwortung einfordert und ein besseres gemeinsames Arbeiten ermöglicht. Ich wusste da schon ehrlich nicht mehr, ob ich lachen oder weinen sollte. Letztlich, das wurde dann klar, ging es dem Mann dabei gar nicht um Selbstbestimmung, sondern um die Frage der Haftung. Da blieb das Bild am Ende dann doch rund.
Erschreckend ist, dass es diese Prof. Dr. meds der Republik (plus ein Heer an Juristen) sind, die darüber bestimmen, wie du oder ich gebären dürfen. Denn sie sind es, die gehört werden. Es sei denn wir werden noch lauter. Um es mit den Worten einer lieben Freundin zu sagen, die dieser Tage ihr drittes Kind erwartet: Demonstriert euch!

(Michi)

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