Falscher Protest?

Auf unserer Facebookseite und mit der Unterstützung dieser Petition setzen wir uns für die #Hebamme Ágnes Geréb ein. Dazu erreichte uns die Kritik, dass Ágnes Geréb nicht dafür verurteilt wurde, dass sie Hausgeburten begleitet, sondern, weil in ihrer Begleitung zwei Kinder gestorben sind.
Hierzu sei erklärt: Ungarn erlaubt grundsätzlich Hausgeburten, macht sie jedoch praktisch nahezu unmöglich. Diese Situation kennen wir auch aus Deutschland. Wir sehen damit das Recht der Frauen auf eine selbstbestimmte Geburt nicht gewahrt.

Dies schreibt uns nun Írisz unter diesem Beitrag unter anderem dazu: „Ágnes Geréb wurde nicht aus heiterem Himmel inhaftiert, „weil sie etc.“, sondern ein Gerichtsurteil von 2012 gegen sie wurde in höchster Instanz für rechtsgültig erklärt.

Sie wurde in einem sowohl rechtlich als auch medizin-ethisch sehr umstrittenen Verfahren für verantwortlich für den Tod zweier Kinder erklärt, was schon schwer genug wiegt, und sicher auch kritisch durchleuchtet gehört. Sie hat aber durch vorsätzliche und wiederholte Missachtung des Rechts und des klaren Rechtsbruchs als Ärztin und später, nach Aberkennung ihrer Approbation, dem Berufsverbot als Ärztin und in Eigenschaft als Hebamme den Beruf m.E. völlig unnötig in Verruf gebracht. In Deutschland wäre sie wahrscheinlich schon vor 10 Jahren in den Knast gewandert.
Ihr Gerichtsprozess ist ganz sicher kein guter Anlass für den Einsatz der Verbesserung der Möglichkeit für die Hausgeburt in Ungarn und in Europa.“

Wir ziehen diese Diskussion nun bewusst auf den Blog, damit der Eintrag sichtbarer bleibt und wollen dazu Stellung nehmen, wie wir es auch auf Facebook getan haben.
Vorweg geschickt sei: Wir unterstützen nicht leichtfertig eine Aktion und auch nicht „blind“. Auch in diesem Fall haben wir es uns nicht leicht gemacht.

Denn der Respekt vor jeder Geburt, vor der Mutter und ihrem Kind gebietet es, dass alle Umstände, die dazu führen, dass Mutter oder Kind zu Schaden kamen, aufgeklärt werden. Und zwar im rechtsstaatlichen Sinne unvoreingenommen und ohne Vorurteile. Zu Letzterem machen wir jedoch eine andere Erfahrung. Dies war unsere Antwort:

„Was wir nicht hinnehmen wollen, ist, dass Hausgeburtshebammen kriminalisiert werden, allein aufgrund der Tatsache, dass sie Hausgeburtshilfe betreiben. Dass ihnen damit strafrechtlich ein Vorsatz unterstellt wird, obwohl ihre Arbeitsergebnisse grundsätzlich genauso gut sind, wie die der Kliniken und auf der freien Entscheidung der Frau basieren. Es geht nicht darum, Hebammen davor zu schützen für ihre Fehler gerade zu stehen. Sie müssen lediglich die gleichen Voraussetzungen bei der rechtlichen Bewertung erhalten. Leider ist genau das nicht der Fall. Es kommt tatsächlich dazu, dass Fakten oder Zweifel nicht berücksichtigt werden. Das wiederum führt letztlich dazu, dass Hebammen sich nicht mehr trauen, Frauen auf ihrem Weg zu unterstützen.“

Die These, die Írisz aufstellt, ist, dass die Unterstützung von Ágnes Geréb der Hausgeburtshilfe eher schadet als nützt. Die Diskussion darum ist nicht einfach, denn im Umkehrschluss sind es immer diese Fälle, an denen die Gegner von Hausgeburten festmachen, dass sie entweder abgeschafft oder bis zur Unausführbarkeit reguliert gehören. Das Richtige tun… Schwierig genug. Diskutiert mit uns auf Facebook!

#freedomforbirth
#freeAgnes
Qualitätsberichte zur außerklinischen Geburten in Deutschland findet ihr hier.

Ein Gedanke zu „Falscher Protest?“

  1. Zur Präzisierung und Korrektur der Darstellung meines Einwandes gegen die von mir wahrgenommene Form des Protestes:

    Für falsch erachte ich nicht die moralische Unterstützung von Dr. med Ágnes Geréb und das Bemühen, das Urteil, das sie u.a der grob fahrlässigen Tötung für schuldig befindet, zu revidieren. Erst recht nicht das öffentliche Einstehen für ihre einzigartigen Verdienste für eine rechtliche Akzeptanz von Hausgeburten in Ungarn.
    Falsch und schädlich für die Sache der Hausgeburten aber halte ich eine verzerrte und politisch scharfmachende Darstellung der Sachlage, weil sie weder der Realität noch dem Anliegen gerecht wird.

    1. Der Rechtsfall Fall Geréb, der sich über 15 Jahre zieht, ist problematisch und komplex. Die Umstände des tragischen Todes zweier Neugeborenen haben sowohl zivilrechtliche als auch strafrechtliche Relevanz, zumal Geréb aus nachvollziehbaren disziplinarischen bereits als Ärztin mit Berufsverbot belegt war und als Hebamme ihre Befugnisse weit überschritten hatte, Hausgeburten illegal geleitet, leider sogar die als Risikogeburt eingestufte Zwillingsgeburt, bei der es zu Komplikationen mit zuletzt tödlichen Folgen für einen Zwilling kam. In einem anderen, ebenfalls illegal vorgenommenen Fall trat eine Komplikation ein, bei der die manuelle medizinische Maßnahme zum Genickbruch des Neugeborenen führte, das bald darauf starb.
    Die Justiz – und darin besteht eine Grundproblematik – wertete diese beiden Fälle aufgrund der illegalen Umstände und der von ihr konstatierten Renitenz der Ärztin als Straftatbestand. Demzufolge sind der Tod bzw. die Behinderung und Todesfolge des/der Neugeborenen als (fahrlässige) Tötung anzusehen, dieses Urteil ist nun in höchster Instanz für rechtskräftig erklärt worden, und darauf stehen 2 Jahre Gefängnis. Die Strafe hat Geréb in den nächsten Monaten anzutreten. (Zwischenzeitlich stand sie immer wieder unter Arrest)
    Dagegen kann man rechtlich vorgehen, dagegen kann man auch öffentlich protestieren.
    Man kann im weiteren dafür plädieren, dass der Tod der Neugeborenen nicht unter strafrechtliche Kriterien fallen dürfte und die Beurteilung illegalen Handlungen Gerébs auf ein anderes Blatt gehören.
    Man kann anmahnen, dass sämtliche ärztlichen Gutachter, die das Risiko der Hausgeburt betonten, jenem Lager angehören, die prinzipielle Vorbehalte gegen Hausgeburten haben und also die Expertisen nicht ausgewogen waren.
    Man kann auch moralisch argumentieren und betonen, dass Gerébs Arbeit einzigartig, richtungsweisend und im nachhinein auch rechtlich akzeptiert wurde, da Hausgeburten seit 2012 in Ungarn legal sind.
    Man kann den Fall auch dafür nutzen, auf hinderliche versicherungstechnische, rechtliche medizinische etc. Umstände, Hausgeburten in Ungarn noch erschweren, hinzuweisen und Besserung zu fordern.

    Es ist aber unangemessen, falsch und für das Anliegen insgesamt kontraproduktiv, Dr. Ágnes Geréb durch Verzerrung der Sachverhalte oder rhetorische Zuspitzungen zum Unschuldsopfer angeblicher juristischer oder gar staatlicher Willkür, maskulin-hegemonialer Geburtsmedizin und was auch immer zu stilisieren. Die ungarische Öffentlichkeit und Fachöffentlichkeit ist gespalten, die Mehrheit der Menschen ist befremdet durch den heftigen Protest, den sie als unsachlich und ideologisiert wahrnimmt und ablehnend reagiert, wenn medial Feindbilder erzeugt werden, erst recht, wenn von Brüssel aus Druck auf die ungarische Rechtsprechung und medizinische Vorstellungen ausgeübt werden soll.
    Es ist auch kontraproduktiv, jetzt von „Kriminalisierung“ der Hebammen oder Ärzte zu sprechen, zumal Hausgeburten unter der damals Orbán-Regierung juristisch ermöglicht worden sind. Jetzt muss konstruktiv gegen die noch bestehenden Erschwernisse angegangen und für bessere Bedingungen gestritten werden. Und natürlich für eine weitergehende Anerkennung der Vorzüge von Hausgeburten in der Ärzteschaft. Die gilt es vor allem zu gewinnen.

    Lob für die Verdienste von Dr. Ágnes Geréb: ja, Hetzte gegen ihre Kollegen, die anders denken und auf einer anderen Erfahrungsgrundlage argumentieren: nein.
    Kritik an der Härte des Urteils: ja, Hetzte gegen die Rechtsprechung: nein.
    Forderung nach Ausweitung der Möglichkeit für Hausgeburten: ja; pauschale Verleumdung der Ärzteschaft und der Geburtenmedizin in Ungarn: bitte nicht.

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