#MeToo und der „blinde Fleck“

Seitdem im Oktober 2017 die US-amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano den Hashtag #MeToo nutzte, um Frauen zu ermuntern gegen sexuelle Gewalt und Übergriffe aufzustehen, wird ebendiese sichtbarer gemacht, denn je. Nicht nur in den USA. Weltweit stehen Frauen auf und sagen #MeToo. Auch ich bin Opfer, auch ich bin Überlebende. Es schien zunächst wie eine logische Fortsetzung dessen, was wir im vergangenen Jahr wenige Monate vor #MeToo unter #becauseits2017 oder #its2017 zusammenfassten. „Es ist 2015“, diese Antwort des Kanadischen Präsidenten, Justin Trudeau, auf die Frage, weshalb sein Kabinett in allen Facetten die Diversität unserer Gesellschaft widerspiegelt, war schlicht: „Because it’s 2015“. Zwei Jahre später nahmen die Sozialen Medien das Thema erneut mit Kraft auf. Das Jahrtausend der Frauen hatte begonnen.

Warum sind keine Frauen in Panels? Was hindert Frauen daran, in Führungspositionen zu arbeiten? Wofür braucht es Studien, die zeigen, dass wir Frauen irgendwelche Dinge gleich gut, besser oder schlechter als Männer können? Sind wir nicht alle Menschen? Ausgestattet mit der gleichen Würde und den gleichen Rechten? Mit #MeToo wurden die Rufe lauter und auch wütender.

Nach Deutschland schwappte die Welle endgültig mit den Vergewaltigungsvorwürfen an Dieter Wedel. Seither wird diskutiert, ganze Talkshows widmen sich dem Thema, die Filmbranche plant eine Meldestelle, Wedels Werke werden aus dem Programm genommen. Mal ängstlich, mal ironisch fragen sich wechselweise Männer und Frauen „ob man das denn jetzt so überhaupt noch sagen darf“ oder „ob Komplimente überhaupt noch erlaubt sind“. Die ganz „Besorgten“ machen das Problem bei denen fest, die vor Krieg und Elend flüchten und tun so, als würde die „deutsche Leitkultur“ Diskriminierung von Frauen nur aus der längst vergangenen Geschichte kennen. Frauen hingegen berichten zu Scharen über ihre Erfahrungen mit Sexismus im Alltag und auch von sexuellen Übergriffen bis hin zur Vergewaltigung. Und nein, Sexismus und Missbrauch ist nicht das Gleiche.

Ich höre, sehe und lese das alles und fühle seit Monaten ein Unwohlsein.
So, wie nahezu jede Frau in Deutschland kann auch ich unter #MeToo zahlreiche Beispiele von Sexismus und sexueller Belästigung auflisten. Dabei bin ich kein Opfer. Denn Opfer zu sein setzt ja auch die Verletzung einer gewissen Norm voraus. Die Dinge die mir passierten waren zu dem Zeitpunkt nicht strafbar. Ein Großteil davon war (und ist?) gesellschaftlich akzeptiert. Bis vor wenigen Monaten das Nachdenken begann. Und während ich das alles also hörte, sah und las, hatte ich das Gefühl eines blinden Flecks. In all‘ diesen Diskussionen fehlte etwas. Gestern, als mich eine Frau fragte, weshalb ich darüber noch nicht geschrieben habe, wurde es mir klar: Wir diskutieren über Selbstbestimmung. Wir sprechen über Sexismus. Wir verändern unsere Werte. Die Medien sind voll von #MeToo.

Und doch hat es ein Thema, bei dem davon auszugehen ist, dass zwischen 200.000 und 250.000 Frauen jährlich davon betroffen sind, es in diesem Zusammenhang nicht in die Wahrnehmung geschafft: Gewalt in der Geburtshilfe ist dieser blinde Fleck. Etwa 30 Prozent der Gebärenden erfahren jährlich Gewalt unter der Geburt.

Sie geht unter anderem zurück auf eine im Gesundheitssystem historisch gewachsene misogyne Haltung gegenüber der Frau. Sie wird strukturell begünstigt durch ein streng hierarchisch angelegtes System von Machterwerb und Machterhalt in der Medizin und wird begünstigt durch unsere noch immer patriarchalisch geprägte Gesellschaft. Die Gewalt unter der Geburt reicht von respektlosem Verhalten gegenüber der Gebärenden („Stellen Sie sich nicht so an!“) über die Ausübung von Druck zum Durchsetzen der ärztlichen Entscheidung („Oder wollen Sie, dass ihr Kind stirbt?“) bis hin zu Maßnahmen ohne vorherige Einwilligung oder gegen den ausdrücklichen Willen der Frau (Gabe von Medikamenten, Dammschnitt, Kaiserschnitt). Dies alles ist alltägliche Normalität. Und zwar im Wortsinn: Die zumindest stumme, allzu oft aber auch zustimmende Hinnahme dieser Praktiken entsprechen der gesellschaftlichen Norm. Einer gemeinsamen Vorstellung davon, wie Geburten zu sein haben.

Damit werden Frauen nicht nur im Kreißsaal konfrontiert. Aussagen wie diese erfahren sie ebenfalls in der engsten Familie wie im Freundes- und Bekanntenkreis gleichermaßen. Die Diskriminierung erfahren sie auch durch Institutionen und die Politik. Selbstbestimmte Entscheidungen, beispielsweise für einen Geburtsort oder einen Geburtsmodus werden als Luxuswünsche oder egoistisch abgetan. Hausgeburtshebammen werden als Kräuterhexen und Räucherstäbchen-Wedlerinnen abgewertet. Nahezu jeder und jede darf sich zu diesem Thema gefragt oder ungefragt äußern. Respekt? Fehlanzeige. Dabei sind die Frauen einander oft genug selbst ihr größter Feind. Und ja, auch das ist Sexismus und Diskriminierung.

Ganz ohne Zweifel sind die Diskussionen zu #MeToo in der Filmbranche überreif. Doch sie sind Teil eines weitaus tiefergehenden Problems. Wir müssen beide Augen offen halten, um dem „blinden Fleck“ zu entgehen. Fangen wir doch bitte endlich damit an!

Wichtig! 
Du willst etwas tun? Dann zeichne und verbreite diese Petition  von Mascha Grieschat, Gerechte Geburt e.V. an den Deutschen Bundestag. Sie ist seit heute (27.2.18) zur Onlinezeichnung geöffnet. Bei 50.000 Mitzeichnungen in den kommenden vier Wochen kann Mascha vor dem Petitionsausschuss des Bundestags öffentlich gehört werden.

Sie suchen Speaker*innen zum Thema #MeToo unter dem beschriebenen Aspekt? Nehmen Sie gerne Kontakt zu uns auf (michi(at)elternstimme(dot)de)

9 Gedanken zu „#MeToo und der „blinde Fleck““

  1. im Geburtshilfefragen stimme ich Dir zu. Allerdings sehe ich es nicht so, dass #metoo sich ausschließlich auf die „schicke“ Filmbranche bezieht… sondern dass es gesamtgesellschaftlich hilfreich ist, darauf Diskussionen zu Selbstbestimmtheit von Frauen und auch insbesondere Müttern aufzubauen. Es geht um Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, die gilt es zu thematisieren und dann vielleicht irgendwann Stück für Stück mit Hilfe von Wissen weiter abzubauen… Gut, dass die Filmbranche auch die Aufmerksamkeit von Männern anspricht und so einen guten Einstieg in eine breitere Diskussion ermöglicht. Jeder Mann ist Sohn, vielleicht auch Bruder, Vater, Onkel und kann sich diese Themen für sich selbst und die umgebenden Frauen gewinnbringend zu eigen machen…

  2. „Dies alles ist alltägliche Normalität. “
    Ich habe drei Kinder spontan entbunden. Die Hebammen waren sehr fürsorglich zu mir und halfen mir sehr. Auch von Freundinnen kenne ich keinen Fall, wo sich eine Frau gewaltsam behandelt gefühlt hat.
    Ich bestreite nicht, dass es solche Fälle gibt, es ist aber nicht die Regel.

  3. Es ist höchste Zeit, darüber zu sprechen! Und es stimmt, es ist wahr! In Deutschland gibt es diese Praktiken und der Zustrom aus islamischen Ländern hält uns nur den Spiegel vor.
    Ich habe kein Kind zur Welt bringen können, bin nie schwanger geworden. Ich fühle aber, dass es mich betrifft. Meine Mutter vermag mir auf Fragen dazu nur ausweichend antworten. Am Ende bedeutet das: Das war eben so üblich. Was hätte man denn machen sollen? Man konnte doch nichts machen. Und allein das unpersönliche „man“ sagt so viel. Verdammt, wir schweigen zu so vielen Verletzungen!

  4. Als Mutter von 5 Kindern hatte ich immer eine selbstbestimmte Hausgeburt und sehr schöne Erinnerungen.Die Wahlfreiheit ist gestorben.Wir sind am Planen von einem Geburts-und Sterbehaus durch eine Stiftung. Es ist ein energetischer Übergang dem höchste, bewusste Selbstbestimmung gebührt.
    Ich freue mich über engagierte Kontakte.

  5. Man muss sich nicht wundern, wenn man sich einem System überlässt, das nicht für Frauen ideal ist, dass es dann zu negativen Auswirkungen kommt. Zumindest, wenn man etwas Geld hat, kann man dem entgehen, denn die Krankenkasse zahlt nicht einmal den normalen Satz für ein Krankenhaus. Ich habe mein Kind in einem Geburtshaus zur Welt gebracht, unter der Betreuung einer Ärztin und einer Hebamme, beide sehr kompetent und habe derlei nicht erlebt. In ein Krankenhaus wollte ich mich nicht begeben, ich war ja nicht krank, nur kurz vor der Geburt. Gleichzeitig war es für mich eine Sicherheit, für den Fall des Falles ein Krankenhaus in der Nähe zu wissen. – Leider gibt es das Geburtshaus heute nicht mehr. Solche Einrichtungen sollten gefördert und nicht verdrängt werden.

  6. Die Geburt unserer Kinder habe ich, dank der Hilfe einer wunderbaren Beleghebamme (das gab es vor 10 Jahren noch) positiv erlebt und keine der in der Petition beschriebenen Erfahrungen machen müssen.
    Bei zweien der drei Geburten erschien der leitende Chef- bzw. Oberarzt erst zwei bis drei Wehen, bevor die Kinder auf der Welt waren. Die Vergütung ging allerdings überwiegend an den Art und nicht an meine Hebamme, die Stunden um Stunden neben mir ausgeharrt und mir geholfen hatte. Das war mir schon damals ein Ärgernis.
    Anders als mir ist es jedoch einigen meiner Freundinnen gegangen, die nicht das Glück hatten, eine Beleghebamme an ihrer Seite zu haben, die ausschließlich für sie zuständig war. Sie erlebten, wie sie z.T. über Stunden mit den Wehenschmerzen alleine gelassen wurden und ihnen, trotz ausdrücklicher Bitte um eine PDA, nicht geholfen wurde. Ich habe mehrfach erlebt, dass diese jungen Frauen regelrecht unter Schock standen angesichts einer Erfahrung absoluter Ohnmacht. Eine Geburt ist eine Ur-Erfahrung, die Mutter und Kind nicht selten an den Rand des Todes bringen – wie dies erlebt wird, entscheidet nicht nur die medizinische sondern ganz wesentlich auch die psychologische Betreuung unter der Geburt. Dafür braucht es Hebammen, die Ruhe und Zeit dafür haben und nicht zwischen verschiedenen Kreissälen hin- und her-hetzen müssen – vor allem aber verdienen diese Hebammen eine angemessene Bezahlung.

  7. Dieser Bericht zu MeToo spricht mir aus dem Herzen. Ich arbeite seit 40 Jahren als Geburtsvorbereiterin und Familienbegleiterin im Frauengesundheitszentrum in Frankfurt und empfinde und bei einigen Geburtsberichten der Frauen immer wieder dieses Unbehagen.
    Ich weiß, dass es auch beglückende Geburten gibt, die häufiger in der außerklinischen Geburtshilfe anzutreffen sind als in der Klinik. Es macht mich traurig, dass aus dem Aufbruch der Frauenbewegung in diesem Bereich nicht mehr geschehen ist. Leider ist die außerklinische Geburttshilfe rückläufig.

  8. Ich danke Dir von Herzen für Diesen Beitrag.
    Erst vor Kurzem kamen meine eigenen Überlegungen zur #metoo-Debatte zu einem ähnlichen Ergebnis. Seither kreisten meine Gedanken darum, unsicher, ob ich übertreibe, schließlich wurde ich ja nicht vergewaltigt oder sexuell missbraucht. Und doch trage ich Erinnerungen an dieses Gefühl in mir, die Hilflosigkeit, das lautlose Schreien und kraftlose Kämpfen, stille Panik. Entstanden in einem der emotionalsten Momente meines Lebens, der Geburt meines ersten Kindes, kraftvoll, lebendig, auf grausame Weise beschleunigt durch einen Dammschnitt. Mittel der Wahl des anwesenden Krankenhauspersonals, ohne vorher zu Fragen, ohne sanfte Alternativen wie einen Positionswechsel oder schlicht Geduld und Vertrauen in Betracht zu ziehen, ohne zu fragen!
    Beim Aufschreiben kriecht wieder langsam ein Gefühl von Scham in mir hoch, Aussagen aus dem Umfeld hallen durch meinen Kopf. Hauptsache ihr seid gesund. So ein kleiner Eingriff. Früher hat man das immer so gemacht. Scham, schließlich wurde ich ja nicht vergewaltigt.
    Gerade bin ich zufällig auf deinen Beitrag gestoßen, über eine Email von change.org über die Tiramisu-Aktion. Und ich war ganz aufgeregt, als ich Deinen Text über den blinden Fleck gelesen habe. Ich hoffe, er erreicht viele viele Leser*innen und schärft das Bewusstsein dafür, was Frauen auch außerhalb von Film und Fernsehen, außerhalb von anerkannten Straftaten tagtäglich zugemutet und angetan wird.

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