Akademisierung, olé!

-Während Kinder sterben, betreibt Gesundheitsminister Jens Spahn Symbolpolitik-

Der Hebammenberuf soll akademisiert werden. Was gestern die Meldung des Tages war, ist für Hebammen längst ein alter Hut. Lange schon ringen Verbände und Ministerium um den besten Weg zur Umsetzung einer EU-Richtlinie, die nämlich genau das vorsieht und bei Nichteinhaltung ab 2020 zu Strafzahlungen führen würde. 

Interessant war der Tenor der Meldungen dazu. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn macht schon mal klar, dass er (sic!) die Hebammen an die gestiegenen Berufsanforderungen anpassen will, denn „Hebammen helfen beim Start ins Leben. Dafür brauchen sie die bestmögliche Ausbildung theoretisch und praktisch“.  So weit. So richtig. Und, so der Bundesgesundheitsminister bei der Tagesschau weiter: „Wir haben die Situation, dass immer mehr Geburten sehr früh stattfinden, das braucht eine besondere Aufmerksamkeit“. Der Grund wird von der Tagesschau auch gleich mitgeliefert: Viel mehr Frühgeburten, weil größere Risiken, weil die Frauen zu alt oder zu krank sind und wegen der besseren Versorgung trotzdem nicht mehr auf Kinder verzichten müssen. 
Schon allein dazu ließe sich vieles schreiben. Aber lassen wir das (an dieser Stelle). 

Weiter geht es bei der Süddeutschen Zeitung. Dort erkennt man, dass Akademisierung „Profis im Kreißsaal“ bringt. Tja, vorher mit der Ausbildung in der Holzklasse, liebe Hebammen, das war wohl nix.
Aus der Umsetzung der EU-Richtlinie zieht frau hier den Schluss: „Endlich. Endlich ist das Thema Hebammenmangel beim Gesundheitsminister angekommen. Der Beruf der Hebamme, ein Frauenberuf mit enorm hoher Verantwortung und schlechter Bezahlung, muss dringend aufgewertet werden, damit junge Menschen wieder bereit sind, in die Geburtshilfe zu gehen, und zwar mit der Gewissheit, von ihrer Arbeit im Kreißsaal auch eine Familie ernähren zu können.“

Da ist wohl der Fachkräftemangel mit der Autorin durchgegangen. Den soll es ja auch im Journalismus geben. Denn, wie wir ja jetzt schon wissen, ist nicht das Thema Hebammenmangel bei Jens Spahn angekommen, sondern die Notwendigkeit eine EU-Richtlinie umzusetzen. 
Und ja, es gibt einen Hebammenmangel, aber nein, das liegt nicht daran, dass zu wenige Frauen diesen Beruf ergreifen wollen. Im Gegenteil. Die derzeitigen Hebammenschulen erfreuen sich großer Beliebtheit, genauso wie die aktuell bereits bestehenden Studiengänge. 
Richtigerweise müsste es heißen, „damit Hebammen wieder bereit sind, in der Geburtshilfe zu bleiben“. Hernach sollte man außerdem wissen: Auch für die aktuelle Ausbildung ist das Gehalt bei der Verantwortungshöhe deutlich zu niedrig.  Dass die Autorin der SZ gleich noch andeutet, dass Abiturientinnen unter Umständen mit weniger Empathie gesegnet als andere Schulabgängerinnen – sei’s drum!

Fazit: Die Dimension des Problems ist den Medien bis heute nicht klar. Dem Bundesgesundheitsministerium hingegen sehr wohl. Allein deshalb nutzt man diesen Schritt, um sich trotz des Nichtstuns in ein positives Licht zu rücken.
Warum die Akademisierung kommen muss und welchen Hintergrund diese Richtlinie hat, das hat der Deutsche Hebammenverband hier aufgeschrieben. Eine Karte zum Stand der Umsetzung in den EU-Mitgliedsstaaten gibt es ebenfalls. Weiteres Wissenswertes zu den Hintergründen gibt es ebenfalls zum Nachlesen

Was die Akademisierung nicht lösen kann, ist die Misere, die uns Frauen in der Geburtshilfe direkt betrifft. Darunter ist die Haftpflichtversicherung noch das kleinste Problem. Die mangelnde Vergütung aller geburtshilflichen Tätigkeiten in der Klinik trägt einen viel höheren Anteil. Fehlende verbindliche Personalschlüssel und deren Kontrolle, die Übernahme von Vorhaltekosten usw. 
Noch vor wenigen Jahren sagte die Hebamme Sabine Schmuck in der öffentlichen Anhörung vor dem Petitionsausschuss des Bundestages „das wird Tote geben„. Sie hatte Recht.  In Deutschland sterben Kinder, während sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (der auch schon vorher im Bundestag für die CDU in der Gesundheitspolitik mitgeredet hat) für die Änderung der Berufsordnung der Hebammen eine Plakette an die Brust heftet. 

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