#Entrechtet – Sind Kreißsäle rechtsfreie Räume?

„Natürlich nicht!“ wollen wir empört aufschreien. Und wir zitieren Artikel 2 des Grundgesetzes oder auch die Paragraphen 630 ff BGB. Das Recht auf „körperliche Unversehrtheit“, das Recht auf Selbstbestimmung, Information und Aufklärung, das Recht auf Einsicht in die Behandlungsunterlagen…

*** TRIGGERWARNUNG ***
Frauen, die Opfer von sexualisierter Gewalt/Gewalt unter der Geburt sind, sollten diesen Text nicht alleine lesen. Bitte gebt gut Acht auf Euch!

Jeder und Jede, die auch nur einigermaßen juristisch bewandert ist, jede und jeder, der auch nur ein wenig gesunden Menschenverstand besitzt, wird, ja muss (!) davon ausgehen, dass auch die Rechte von Frauen unter der Geburt – in Kreißsälen, Geburtshäusern oder Zuhause – hinreichend geschützt sind. Doch für zahlreiche, für viel zu viele Frauen, sieht die Realität anders aus. Schon ihre Schwangerschaft verbringen sie in Angst. Falsch aufgeklärt oder mit einem Risikokatalog ausgestattet, der alles, aber nicht das Individuum Mensch betrachtet, wird aus der Zeit guter Hoffnung eine Spirale aus Angst und Sorge.

„Wollen Sie, dass ihr Kind gesund zur Welt kommt?“ Nur noch diese Untersuchung, hier ein Tasten am Muttermund, da ein CTG, ein Pränataltest, noch ein Ultraschall – und, nicht zu vergessen, was frau alles tun oder lassen soll, damit das Kind am Ende überhaupt lebend, nicht zu groß oder zu klein, Hauptsache in einer Norm, die schon die Neugeborenen an den Landesgrenzen nicht mehr erfüllen müssen, um gesund zu sein, zur Welt kommt. Ist das Gewalt? Ist das bewusste Schüren von Angst, das Vorenthalten von Informationen schon Gewalt?

Und dann, die gleiche Frau, das erste Kind unter dem Herzen, von vielen nur noch als Bauch, als Hülle betrachtet, kommt mit Wehen in einem Kreißsaal an. Nicht der ihrer Wahl, denn der wurde dank Zentralisierung und zahlreicher Vorschriften, die bereits an der Landesgrenze bei besserem Outcome keinen Bestand mehr haben, schon abgeschafft. Dort liegt sie. Sie, die eigentlich stehen, gehen und sich tanzend durch die Wehen bewegen wollte, auf dem Rücken. „Das machen wir hier so“, hatte die Hebamme gesagt. Die Beine angewinkelt, begrüßt die Gynäkologin, eine Frau, die sie bis dahin noch nie gesehen hatte, aber immerhin eine Frau, sie mit einem beherzten Griff in die Vagina. Ihren Namen nennt sie nebenbei. Die Frau, die dort liegt, auf dem Rücken, wird sich später nicht an ihn erinnern können. „Wir tasten jetzt den Muttermund“, sagt die Ärztin und meint es so. „Wir“. Jede darf mal. Die Hebamme, die Schülerin. Die Frau, die mit den Wehen tanzen wollte, hat Schmerzen. „So wird das nichts“. „Wenn sich hier in einer Stunde nichts getan hat, müssen wir schneiden“. Die Ärztin streift sich die Handschuhe von den Händen. Verlässt den Raum.

Da liegt die Frau, die sich während der Wehen bewegen wollte, aufrecht und stolz ihr Kind gebären, auf dem Rücken. Gefesselt an das CTG und an einen Tropf „Wir wollen doch voran kommen“. Nach den vielen Stunden, die sie dort schon zugebracht hat, will die Hebamme, dass sie sich nun bewegt. Mit Schlauch und Flexüle an der einen Hand und dem CTG am Bauch. Verrutschen soll das nicht. „Nun machen Sie mal mit“. Bis jetzt weiß die Frau nicht, welche Flüssigkeit durch den Schlauch in ihren Arm rinnt. Sie weiß, ihr Muttermund ist sechs Zentimeter geöffnet. Das haben Hebamme und Schülerin nach erneutem Tasten festgestellt. Wieder Schmerz. Wieder ohne vorher zu fragen. Dann haben sie stolz geblickt. Sie haben das geschafft. Nicht diese Frau, die dort auf dem Rücken liegt. Entkräftet. Hülle für ein Baby, das dort hinaus muss. Aus einer Mutter, die nicht richtig mitmachen will. Zu trinken gibt es schon lange nichts mehr. Ihr Mann wollte ihr etwas geben. Die Hebamme nahm es ihm aus der Hand „Falls wir schneiden müssen“. Jetzt aber, jetzt müsse man nicht mehr schneiden. Zum Trinken ist trotzdem keine Zeit mehr.

Das Baby will jetzt raus. Presswehe. Presswehe. Positionswechsel. „Nein, jetzt nicht pressen“, „Jetzt“. Die Frau, tanzt schon längst nicht mal mehr innerlich. Schmerzen. Befehle. Ihr Mann wischt ihr Schweiß aus dem Gesicht. Oder sind es Tränen? Das Baby kommt nicht. Immer wieder stößt es scheinbar gegen Widerstand. Vor den gespreizten Beinen der Frau, die nun wieder auf dem Rücken liegt, die Hebamme, die Schülerin, die Gynäkologin. Nächste Presswehe. Schmerzen. Unglaubliche Schmerzen. Andere Schmerzen. Ein Dammschnitt. Ungefragt. Ungewarnt. „Das machen wir hier so“. Das Baby schreit. Die Mutter schreit. Und lacht. Und weint. Und…

Sie wird lange weinen. Immer wieder.

Zwischen 30 und 50 Prozent der Frauen in Deutschland erleben Gewalt unter der Geburt. Mangelnde Aufklärung, fehlende Einwilligungen in Behandlungen bis hin zu Zwangsmaßnahmen, Demütigung. Gewalt unter der Geburt ist sexualisierte Gewalt. Sie widerfährt Frauen aufgrund ihres Geschlechts.

Zahlreiche Frauen sind bereits zuvor in ihrem Leben Opfer sexualisierter Gewalt geworden. Manche werden retraumatisiert. Ärzte und Hebammen sprechen häufig von strukturellen Ursachen für die Ausübung von Gewalt. Das ist falsch. Niemand ist gezwungen, seine Macht zu missbrauchen. Die mangelhaften Strukturen begünstigen die Ausübung von Gewalt. Dennoch tragen die Ausübenden die volle Verantwortung für diese Grenzübertretung. Andere argumentieren mit den schützenswerten Interessen des Kindes. Mit seinen unbedingten Lebensrecht. Das ist richtig. Diese Abwägung von Rechten gegeneinander dürfen jedoch weder Ärzt*innen noch Hebammen vornehmen. Dies ist Richter*innen vorbehalten. Viele Frauen schweigen. Die, die es nicht tun, werden oftmals erneut gedemütigt.

„Eine Geburt tut nun einmal weh“, ist ein häufiges Argument, um das Erlebte der Frauen abzuwerten. Klagen scheitern, weil Ärzt*innen als Gutachter*innen ihren Berufsstand schützen. Demütigung und Drohungen sind oft nicht nachweisbar. Das Bundesgesundheitsministerium hat bisher kein Interesse an diesem Thema gezeigt. Weder der Artikel 2 des Grundgesetzes noch die im Jahr 2013 gefeierten Patientenrechte schützen diese Frauen. Deshalb geht meine Rose zur Roses Revolution am 25. November in diesem Jahr an das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz. Frauen unter der Geburt dürfen nicht länger #entrechtet werden. Katarina Barley handeln Sie jetzt!

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