Kein Land für Frauen…

Mecklenburg-Vorpommern: In Parchim kündigt sich nach der „vorläufigen“ Schließung der Abteilung Kinder- und Jugendmedizin auch die Schließung der Abteilung Geburtshilfe/Gynäkologie an. 

Mecklenburg-Vorpommern ist ein Flächenland. 16 Kreißsäle gibt es noch. Drei davon sind sporadisch geschlossen. Das Land wirbt für sich selbst mit dem Slogan „Land zum Leben“. Das gilt jedoch offensichtlich nicht für alle Teile der Gesellschaft. 

Spoiler: Ganz am Ende dieses Beitrags erkläre ich euch, weshalb der Gesundheitsminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Harry Glawe (CDU) zurücktreten sollte. Doch vorher lest die Geschichte eines Niedergangs. Sie ist schnell erzählt. Leider.


Zu Pfingsten alarmiert eine Meldung die Parchimer*innen. Die Abteilung Kinder- und Jugendmedizin der örtlichen Asklepios-Klinik schließt, zunächst heißt es vorübergehend, ihre Pforten. Der Grund ist Personalmangel. Kranke Kolleg*innen und eine fehlende Nachfolge für einen Arzt, der in den Ruhestand geht. Die Fachabteilung wurde seither nicht mehr geöffnet. Dabei zieht die Krankenhausverwaltung scheinbar alle Register, sogar über Fachkräfte aus dem Ausland wird spekuliert. Kuba!

Eine Parchimerin will das nicht hinnehmen. Nastja Maria Lange ist Mutter und hat Angst, dass die weiten Wege zur nächsten Klinik (immerhin braucht es bis nach Schwerin rund 40 Minuten mit dem Auto) im Ernstfall zu weit für ihr Kind und die anderen sind. Sie startet eine Petition. Rund 48.800 Menschen haben bisher unterschrieben. Es gibt Gespräche mit der Politik, mit der Presse, sogar Demonstrationen werden ehrenamtlich organisiert. Als sie in ihrer Petition von einer weiteren Sorge spricht, der dass als nächstes auch der Kreißsaal schließen wird, findet die Warnung kaum Widerhall. Im Gegenteil; wird ihr doch gar Panikmache unterstellt.

Die Themenlage ist komplex. Doch ein Blick über den Tellerrand hilft. Es hätte sogar einer in die jüngere Geschichte der Region gereicht: Ludwigslust kennt den Verfall. Wolgast ebenfalls. Anklam bekam nur durch den Druck nach der Wolgaster Schließung eine Kinderabteilung zurück. Immer auch betroffen: Die Geburtshilfe. So wie bundesweit reihenweise eingestampft wird, was den Konzernen oder Betreibern der öffentlichen Hand kein Geld bringt. Die Wahrheit ist; Kinder rechnen sich nicht. Weder zum Zeitpunkt ihrer Geburt noch in der allgemeinen Kinder- und Jugendmedizin. Lediglich Spezialkliniken für Kinder haben eine Chance sich selbst zu tragen. Ansonsten gilt: Hohe Vorhaltungskosten, niedrige Erträge. Die Klinikbetreiber zahlen drauf und das mögen die Aktionäre gar nicht. 

Es ist zu vermuten, dass die Klinikleitung und auch das Gesundheitsministerium spätestens im Sommer wussten, dass es bei einer dauerhaften Schließung der Pädiatrie bleibt und (natürlich!) auch die Geburtshilfe/Gynäkologie ebenfalls betroffen ist. Es ist auch zu vermuten, dass es sich hierbei um ein gezieltes Vorgehen des Klinikkonzerns handelt.  

Noch am 2. Oktober schreibt Rune Hoffmann, Konzernbereichsleiter Unternehmenskommunikation und Marketing, auf Anfrage der Elternstimme: „Im Wesentlichen unberührt von der aktuellen Situation der Kinder- und Jugendheilkunde ist die Geburtshilfe. Die Betreuung von Schwangeren und Geburten findet wie gewohnt statt, lediglich Risikoschwangerschaften werden nicht betreut.“ Da ist intern schon längst bekannt, dass der Drop-out der Fachkräfte weitergeht. Wer kann, verlässt das sinkende Schiff. Aus eins, zwei fehlenden Kräften werden schnell mehr.  

Vom Gesundheitsminister hört man unterdessen, dass er sich persönlich kümmert und eine Lösung finden will, auch wenn Asklepios die Kinderstation dauerhaft schließt. In einem Beitrag im Nordmagazin des NDR am 16. Oktober 2019 übernimmt er bereits die Deutungshoheit und macht klar: „Das Problem ist einfach, wenn diese fünf Ärzte auch noch alle weggehen, dann ist das natürlich ein Problem, das ich, als einer der aus dem Gesundheitswesen kommt, in meinen 21 Dienstjahren nie erlebt habe“. Eine scheinbar besondere Dramatik. Die jemand, der sich offenbar auskennt, scheinbar gut erkennen kann. Harry Glawe ist von Beruf Diplomkrankenpfleger. Der 66-jährige ist seit 1994 Mitglied des Landtages und war bereits 1990 als Kreisgeschäftsführer der CDU in Grimmen tätig. Seine 21 Dienstjahre hat er demzufolge mindestens überwiegend, wenn nicht sogar vollständig in der DDR absolviert. Das sagt viel über seine Kenntnis eines privatisierten und auf Aktionärsrendite ausgelegten Gesundheitssystems. 
Aus Sicht der schlecht bezahlten und unter miesen Arbeitsbedingungen leidenden Fachkräfte, sowie der von der Schließung bestimmter Abteilungen überproportional betroffenen Frauen und Kinder kennt er es nicht. Dafür ist er seit 2003 Mitglied im Kuratorium Gesundheitswirtschaft des Landes. 

Welche Pläne es gibt, verrät er nicht. Wer die sehr ähnliche Geschichte um die gleichen Abteilungen in Wolgast verfolgt hat, kann eine Idee bekommen. „Portalpraxisklinik“ lautet das Zauberwort. Hier wird in unzureichender Weise das getan, von dem die Gesundheitspolitik immer behauptet, das würde der Markt (gemeint ist die Gesundheitswirtschaft) schon regeln. Woher die Mittel dafür für Parchim kommen könnten, verrät uns eine Pressemitteilung des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit (man beachte die Reihenfolge!) aus dem Monat August. Darin wird ein Wettbewerb um sechs Millionen Euro zusätzlich für die medizinische Versorgung auf dem Land angepriesen. Harry Glawe: „Der Wettbewerb soll neue Angebote im ländlichen Raum initiieren. Uns geht es insbesondere um die Niederlassung von Haus- und Kinderärzten sowie den Aufbau von Gesundheitshäusern, Gemeindepraxen oder medizinischen Versorgungszentren.“

Fazit: Dass sowohl die Kinderklinik als auch die Geburtshilfe in Parchim gefährdet sind und dauerhaft geschlossen werden, war absehbar.
Crivitz schloss wegen Personalmangels vergangene Weihnachten seinen Kreißsaal. Neustrelitz machte dieses Jahr im Sommer die Geburtshilfe dicht. 
Stralsund konnte nur durch eine Umwandlung in einen Belegkreißsaal überleben.  (michi)

Kommentar:

Ich fordere den Rücktritt von Gesundheitsminister Harry Glawe. Noch am 13. September 2019 hat er mir in der Kirche in Wolgast vor Zeugen (die Kirche war gut gefüllt) Panikmache unterstellt, als ich im gleichen Podium wie er sitzend, darauf hingewiesen habe, dass Wolgast längst nicht der letzte Kreißsaal gewesen sei, der in M-V geschlossen wird. Er (Harry Glawe) beharrte ausdrücklich darauf, dass es das „unter ihm“ nicht geben würde. In fahrlässiger Weise hat es Gesundheitswirtschaftsminister Harry Glawe versäumt, sich um die Versorgung von Frauen und Kindern in ländlichen Räumen zu kümmern. Ich sehe einen deutlichen Interessenkonflikt zwischen seinen Zuständigkeitsbereichen. Zumindest eine Neuordnung der Ministerien wäre angebracht. Und auch die zuständige Fachabteilung, deren Mitglieder mich milde anlächelten, als ich im selben Jahr meine Haltung zu diesem Thema in der Arbeitsgruppe „Guter Start ins Leben“ vorstellte, darunter auch Landtagsabgeordnete, sollten ihrerseits ihr Haltung für die Menschen, und vor allem für die laut Grundgesetz besonders schützenswerten Gruppen – Frauen und Kinder, überdenken. Ihre Versorgung – unsere Versorgung (!) auch und vor allem in den ländlichen Räumen muss gesetzlich geregelt werden und darf nicht zur Spielwiese vermeintlich innovativer Modellprojekte verkommen. 

Ein Gedanke zu „Kein Land für Frauen…“

  1. Dem ist nichts hinzuzufügen und ja, auch ich fordere den Rücktritt.
    Mir wurde 2016 in Bezug auf Wolgast Panikmache vorgeworfen. Und die Landesregierung schaut zu. Es ist unerträglich und macht mich wütend. Fraue, wir müssen Banden bilden und uns wehren.

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