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Den eenen sin Uhl…

„Wat den eenen sin Uhl, is den annern sin Nachtigall“, sagt ein plattdeutsches Sprichwort. Freud und Leid liegen oft dicht beieinander. Im speziellen Fall der gebursthilflichen Versorgung in Mecklenburg lässt sich diese Entfernung sogar auf den Kilometer beziffern: 24 km. Das ist die Entfernung zwischen Crivitz und Parchim. Und zwischen den beiden Kreißsälen dieser Orte ist nun eine Entscheidung gefallen (worden). Und zwar für…

Parchim. Hier kämpft seit Monaten eine Bürgerinitiative für den Erhalt der dortigen Kinderklinik, später auch den Erhalt der Geburtshilfe/Gynäkologie. 
Heute nun meldet das Gesundheitswirtschaftsministerium: „Die Asklepios Klinik Parchim und das MEDICLIN Krankenhaus am Crivitzer See werden ihre Abteilungen für Gynäkologie und Geburtshilfe an einem Standort bündeln. In Abstimmung mit dem Minister für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit in Mecklenburg-Vorpommern Harry Glawe haben beide Klinken beschlossen, ihre gynäkologischen und geburtshilflichen Fachabteilungen ab dem 01. Januar 2020 in der Asklepios Klinik Parchim zusammenzuführen und entsprechend in Crivitz zu schließen. Werdende Eltern, die eine Geburt nach dem 31. Dezember 2019 im MEDICLIN Krankenhaus am Crivitzer See geplant haben, können in Parchim versorgt werden.“ 

Das dürfte nicht nur die Crivitzerinnen sondern auch zahlreiche Schwerinerinnen überraschen bzw. gar erschrecken, die sich zur Geburt noch immer regelmäßig nach Crivitz aufmachen. Dort hatte zuletzt im vergangenen Jahr der Kreißsaal über Weihnachten wegen Hebammenmangels dicht gemacht.

Also ein win-win für alle?
Das könnte man meinen. Zumindest, wenn man die Begründung der Kliniken in der Pressemitteilung des Gesundheitswirtschaftsministeriums liest:

„„Grund für den Zusammenschluss sind qualitätsmedizinische Erwägungen im Zusammenhang mit der seit langem rückläufigen Geburtenzahl an beiden Standorten in Folge des demografischen Wandels. Diese Entwicklung ist gleichzeitig mit verantwortlich für zuletzt immer wieder auftretende personelle Engpässe bei Hebammen und Fachärzten in den beiden Einrichtungen“, so die gemeinsame Erklärung der Geschäftsführungen von Asklepios und MEDICLIN. Im aktuellen Jahr werden an beiden Standorten jeweils weniger als 400 Kinder zur Welt gebracht und jeweils knapp 1.000 gynäkologische Fälle behandelt. Als Mindestrichtwert für eine routinierte und auf möglichst viele Eventualfälle vorbereitete Geburtshilfe gelten laut Fachgesellschaften mehr als 500 Geburten an einem Standort. „Nur mit der Zusammenlegung am Standort Parchim können wir verantwortungsbewusst eine Station mit genügend qualifiziertem Fachpersonal betreiben und die gute medizinische Qualität, die wir in Crivitz über Jahrzehnte angeboten haben, auch für die Zukunft sichern“, sagt Yvonne Bartels, Kaufmännische Direktorin im MEDICLIN Krankenhaus am Crivitzer See. „Damit übernehmen wir Verantwortung für die Versorgung in der Region.“

Nun könnte man argumentieren, dass dieser Richtwert die Mediclin auch in der Vergangenheit nicht daran gehindert hat, Geburtshilfe anzubieten und diese als qualitativ gut anzupreisen. Man könnte auch sagen, dass es durchaus auch die Forderung nach 600 oder 800 Geburten mindestens gibt. Es ließe sich auch schreiben, dass nicht die Zahl der Geburten ausschlaggebend ist, sondern das was man bereit ist in Fachpersonal zu investieren. Aber darum soll es an dieser Stelle nicht gehen (aufgehoben ist nicht aufgeschoben!). 

Der Gesundheitswirtschaftsminister Harry Glawe dürfte noch einmal tief durchatmen. Anstelle zweier Schließung muss er nun nur für eine gerade stehen. Denn, dass Crivitz über kurz oder lang vor der gleichen Frage steht bzw. aktuell stand, war jedem, der sich damit beschäftigt lange klar. Sein Versprechen aus September 2017 hat er nicht eingehalten: „Mit mir wird es keine weiteren Kreißsaalschließungen geben.“ Politische Konsequenzen wird das in diesem Bundesland einmal mehr nicht nach sich ziehen. 

Allein, die Rechnung wird nicht aufgehen. So lange nicht die Struktur der Finanzierung in der Geburtshilfe und Kinder- und Jugendmedizin geändert wird, werden Kreißsäle von der Größe wie Parchim, Crivitz, Hagenow und andere im Land weiterhin auf der Kippe stehen. Sicher, die Parchimer*innen werden sich freuen, dass ihr Kreißsaal (vorerst) gerettet ist.  Ein bitterer Sieg! Eine Kinderklinik wird es am dortigen Standort übrigens auch in Zukunft nicht mehr geben. Das Ministerium verweist auf die Versorung im MVZ am Klinikstandort – innerhalb der Öffnungszeiten, versteht sich. 
In diesem Sinne: Wat den eenen sin Uhl, is den annern sin Nachtigall

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